Ausgestoßene der Woche: Ungeimpfte, Klimaleugner, Mohammed mit Regenbogen

Ausgestoßene der Woche: Ungeimpfte, Klimaleugner, Mohammed mit Regenbogen


Die marodierenden Wachsoldaten der hohen Moral ziehen durch die Lande und machen alles nieder, was es nicht schnell genug auf einen Baum schafft.

Ausgestoßene der Woche: Ungeimpfte, Klimaleugner, Mohammed mit Regenbogen

von Kolja Zydatiss

Der in Jena beheimatete Verein „Europäisches Institut für Klima & Energie“ (EIKE), der nach eigener Aussage „Klima- und Energiefakten ideologiefrei darstellen“ will, hat immer wieder Probleme, Räumlichkeiten für seine Jahreskonferenz zu finden. 2019 gab etwa das NH München Ost Conference Center zunächst eine Zusage, zog diese allerdings zurück, nachdem der Verein Umweltinstitut München in einem offenen Brief die Entscheidung anprangerte und die Gruppierung „Offenes Antikapitalistisches Klimatreffen“ in der Hotellobby Lieder sang und Flugblätter verteilte. Anträge von EIKE auf eine einstweilige Verfügung gegen die Hotelkette scheiterten vor dem Landgericht München und dem Oberlandesgericht München. Der Verein musste auf einen anderen, nicht öffentlich bekanntgegebenen Veranstaltungsort ausweichen.

2021 kann man sich, der Teilsuspendierung des Corona-Regimes sei Dank, wieder treffen. Aber die EIKE-Gegner sind, wie die Publizistin Vera Lengsfeld bemerkt, schon einen Schritt weiter als in vergangenen Jahren. Wie Lengsfeld in ihrem aktuellen Beitrag erklärt, haben sich diverse Gruppen, angeführt von den Grünen Gera, vorsorglich mit einem offenen Brief an alle infrage kommenden Hotels in der thüringischen Stadt gewandt, in der EIKE dieses Jahr seine Konferenz abhalten will.

Die Verfasser wollen die potenziellen Veranstaltungsorte nach eigener Aussage „über die Hintergründe von EIKE informieren – auch in Hinblick auf Ihre eigene Außenwirkung und mögliche Rufschädigung, die mit einer Zusammenarbeit mit EIKE einhergehen würde“. Lengsfeld kommentiert dazu treffend: „Es wird also nicht nur denunziert, sondern ganz unverhüllt mit Rufmord gedroht.“

Fragwürdiger „anerkannter Forschungsdiskurs“

„Die von EIKE verbreiteten Darstellungen in Aufsätzen und Vorträgen sind nicht Teil des anerkannten Forschungsdiskurses“, heißt es in dem Schreiben weiter. „In der mehrheitlich anerkannten Wissenschaftsgemeinschaft ist auf der Basis jahrzehntelanger Forschung durch hunderte Forschungsgruppen weltweit eindrücklich bestätigt worden, dass die Klimaveränderungen eindeutig menschengemacht und krisenhaft sind.“

Schon die Formulierung „anerkannter Forschungsdiskurs“ verrät, dass die Verfasser von der Wissenschaft wenig Ahnung haben, die, wie Kai Rogusch et al. es 2019 ausdrückten, „eine permanente Kontroverse ist, bei der es stets darum geht, herrschendes Wissen herauszufordern und durch neue Erkenntnisse zu widerlegen, zu modifizieren, zu relativieren oder zu ergänzen“. (1)

Vera Lengsfeld bemerkt in ihrem Beitrag, dass das Argument, die Mehrheit sei immer unbedingt im Recht, in der Wissenschaftsgeschichte vielfach widerlegt wurde. Zum Beispiel waren sowohl das heliozentrische Weltbild von Galileo Galilei als auch die Theorie der Kontinentaldrift von Alfred Wegener „anfangs Einzelmeinungen gegen den Mehrheitskonsens und dennoch richtig“. Apropos „anerkannter Forschungsdiskurs“: Auch die Eugenik war jahrzehntelang Teil ebendessen, in vielen Ländern noch weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus.

„Tyrannei der Ungeimpften“

Im Lied „Diplomatenjagd“ (1969) verspottet Reinhard Mey feine großbürgerliche Jagdgesellschaften. „Die Ritter vom Orden der Konjunktur, zwei Generäle zuvor“ brechen über Wald und Flur herein. „Es folgt mit Furore ein Monsignore – selbst den klapprigen Ahnherrn von Kieselknirsch, trägt man auf der Bahre mit auf die Pirsch.“ Letzterer schießt aufgrund seiner Sehbehinderung versehentlich den Außenminister tot, die ungenießbaren „zähen Fasanen, die Ente mit Rheuma, der Keiler mit Asthma“ werden schließlich „dem nächsten Armenhaus geschenkt“.

Im heutigen Deutschland veranstaltet das Establishment zur Zeit eine ganz andere, aber nicht minder sinnlose und von Kollateralschäden begleitete Jagd, und zwar auf die Ungeimpften. Der Weltärztebund-Chef Prof. Frank Ulrich Montgomery spricht in der ARD-Talksendung „Anne Will“ von einer „Tyrannei der Ungeimpften, die über das zwei Drittel der Geimpften bestimmen und uns diese ganzen Maßnahmen aufoktroyieren“. Der Spiegel-Kolumnist Nikolaus Blome titelt „Wir Geiseln der Ungeimpften“. In Hamburg will der Roncalli-Weihnachtsmarkt Geimpfte und Ungeimpfte durch einen Zaun voneinander trennen.

Der Präsident der Bundesärztekammer Klaus Reinhardt und der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages Helmut Dedy trommeln schon seit einiger Zeit für die obligatorische Anwendung der 2G-Regel, etwa beim Besuch von Restaurants, Veranstaltungen oder Kinos. Sachsen hat nun als erstes Bundesland genau einen solchen faktischen Lockdown nur für Ungeimpfte landesweit eingeführt und sperrt damit, wie der Autor und Twitter-Nutzer @FrankfurtZack bemerkt, „40 Prozent der Bevölkerung im Alter von 18 bis 59 Jahren vom gesellschaftlichen Leben aus“. Auch in Österreich gilt 2G seit dem 8. November bundesweit.  

Aber es gibt auch abweichende wissenschaftliche Stimmen, die das alles für ziemlich fehlgeleitet halten: Die eine Art Außenseiter- (oder zumindest im Vergleich zu den Lockdown-Hardlinern weniger hysterische) Position bekleidenden Virologen Jonas Schmidt-Chanasit (Uni Hamburg) und Prof. Hendrik Streeck (Uni Bonn) haben sich gegenüber dem Deutschlandfunk respektive dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) gegen 2G ausgesprochen, weil diese Regel eine „Scheinsicherheit“ gebe, und die Abschaffung der niedrigschwelligen, kostenlosen Covid-Tests als Fehler bezeichnet. Sie weisen darauf hin, dass es Infektionsrisiken sowohl durch Geimpfte als auch Ungeimpfte gibt. Warum diese einfache medizinische Tatsache („In welchem Maß die Impfung die Übertragung des Virus reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden.“ – RKI, 02.11.2021) sich in der Politik noch nicht herumgesprochen hat, darf als eines der größten Mysterien der Pandemiezeit gelten.

„Muslimischer Demokrat“

Am 24. Oktober wollte der in Offenburg lebende Blogger Mohammed Ali Slim den französischen Lehrer Samuel Paty ehren, der vor rund einem Jahr von einem Islamisten ermordet worden war, weil er seinen Schülern Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Der aus dem Libanon stammende 22-jährige deutsche Staatsbürger Slim, der bis vor Kurzem als Bundeswehrsoldat gedient hatte und aktuell eine Ausbildung im Dienstleistungssektor macht, postete also auf Facebook eine Karikatur, die einen bärtigen alten Mann mit Lederstiefeln und mit Lederriemen behangenem Körper zeigt, der zwei Regenbogenflaggen hält. Überschrieben ist die Zeichnung mit: „Prophet Muhammad comes out!“ Slim selbst schrieb zu diesem Posting: „Mein Islam hat keine Angst vor Kritik, vor Karikaturen und auch nicht vor Satire.“

Nun erhält Slim, der FDP-Mitglied ist und sich als „muslimischer Demokrat“ sieht, Hassbotschaften bis hin zu Morddrohungen, nach eigenen Angaben auch aus dem engen Familien- und Freundeskreis, was ihn besonders überrascht und verletzt habe. Die Polizei hat Schutzmaßnahmen eingeleitet, in einer Art Täter-Opfer-Umkehr aber auch Slim gewarnt, dass er sich durch das Posten von Mohammed-Karikaturen selbst gefährde. Der 22-jährige Offenburger hat Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Bedrohung gestellt, ist aber auch seinerseits angezeigt worden, wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen Paragraph 166 StGB („Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“). (Quelle: baden online)

„Problematisches Weltbild“

Daniela Martens, eine Kommentatorin beim Tagesspiegel, möchte die ursprünglich aus den USA stammende Jugend-Detektiv-Reihe „Die drei ???“ und die ähnlich gelagerte deutsche Reihe „TKKG“ ausstoßen. „Männliche Machtphantasien: Warum ‚Die drei ???' und TKKG nichts für Kinder sind“, so die Überschrift ihres Beitrags. „Viele Eltern kennen die Hörspiele aus der eigenen Kindheit. Doch wenn man heute noch mal genau hinhört, bemerkt man ein problematisches Weltbild“, heißt es im Teaser weiter.

Dann senkt sich auch schon die Bezahlschranke, aber das ist wohl – wie fast immer, wenn feministische Moralunternehmer irgendwo in der Kulturproduktion des heutigen Westens ein „problematisches Weltbild“ entdecken – kein großer Verlust. „Habe langsam den Eindruck, hier soll kulturell einfach kein Stein mehr auf dem anderen bleiben“, kommentiert Autor Karim Dabbouz bei Twitter Martens‘ Artikel, und damit ist eigentlich auch schon alles zu diesem Thema gesagt.

„Bringen wir sie zum Zittern“

In London musste die israelische Botschafterin im Vereinigten Königreich, Tzipi Hotovely, am Dienstagabend von einer Diskussionsveranstaltung der Eliteuni London School of Economics (LSE) evakuiert werden. Hunderte pro-palästinensische Demonstranten waren gekommen und versuchten, Polizeiketten vor dem Veranstaltungsort zu durchbrechen. Die Veranstaltung konnte wie geplant stattfinden, als die Botschafterin die Örtlichkeit verlassen wollte, eskalierte allerdings die Situation. Hotovely wurde von einem wütenden Mob verfolgt, ein besonders entschlossener Demonstrant drang durch eine Polizeikette zu der Botschafterin durch, als sie versuchte, ihr Auto zu erreichen, und musste von Personenschützern abgeblockt werden. Im Vorfeld hatte eine linke Gruppierung namens „LSE Class War“ (LSE Klassenkampf) auf Instagram aufgerufen: „Wer die Scheibe des Botschafter-Autos einwirft, bekommt ein paar Bier ausgegeben. […] Bringen wir sie zum Zittern.“ (Quellen: Times of IsraelSpiked)

Hotovely ist in bestimmten Kreisen eine besonders verhasste Figur, weil sie der jüdischen Siedlerbewegung nahesteht, unter Premierminister Benjamin Netanjahu als Siedlungsministerin fungierte, und sich für eine israelische Annexion des Westjordanlandes ausspricht. Ein Autor beim britischen Onlinemagazin Spiked bemerkt, dass die LSE in den letzten zehn Jahren einen ehemaligen iranischen Diplomaten, einen chinesischen Botschafter und den russischen Außenminister Sergej Lawrow zu Gast hatte. „Keiner dieser Vertreter wurde vom Campus gejagt. Alle diese Veranstaltungen verliefen ohne Zwischenfälle.“

„It’s okay to be white“

In Basingstoke hat die Polizei Ermittlungen aufgenommen, wegen Plakaten mit der Aussage „It’s okay to be white“, die von Unbekannten an Laternenpfählen zweier Straßen in der südenglischen Stadt angebracht wurden. Für die Polizei besteht der Verdacht eines „Hass-Vorfalls“ (hate incident). Die Plakate sind mittlerweile auf Anordnung des Gemeinderates entfernt worden. Eine aufgebrachte Anwohnerin sagte der BBC:

„Diese Taktiken sind spaltend und haben in der heutigen Welt keinen Platz. Es sind Taktiken, die von Neonazi-Gruppen und weißen Suprematisten absichtlich zur Spaltung eingesetzt werden. Es begann in den USA, aber wir haben es auch hier in Großbritannien erlebt.“

Tatsächlich entstand der Slogan 2017 in den USA als Teil einer Trolling-Kampagne, die von Nutzern des anarchischen Imageboards 4chan ausging. „Man hoffte, dass die Anbringung dieses harmlosen Satzes auf Plakaten Linksliberale provozieren würde, die dazu neigen, sich über ‚weiße Männer‘ zu beschweren und gegen das ‚Weißsein‘ zu wettern (was auch immer das bedeuten soll). Man erhoffte sich, dass Linke ausdrücklich sagen würden: Es ist nicht okay, weiß zu sein“, erklärt Charlie Peters von Spiked den Hintergrund.

„Diejenigen, die sich über die ‚It’s okay to be white‘-Plakate aufregen, haben sich ihre Probleme selbst zuzuschreiben. Sie sind es, die eine Politik geschürt und gefördert haben, die alle Ungleichheiten und Unterschiede in der Welt mit unterdrückten und unterdrückenden Rassen erklärt“, so der Autor weiter. „Gleichzeitig deuten die ‚It’s okay to be white‘-Plakate selbst auf eine besorgniserregende Entwicklung hin. Es scheint als ob einige Weiße auf den grassierenden Rassenidentitarismus mit einer eigenen Form von rassenbesessenem Wehe-mir-Opferdenken reagieren. Das wird nicht helfen, die durch die zeitgenössische Identitätspolitik verursachten Spaltungen zu überwinden.“

„Unser Geschmack muss rein sein“

Die Cambridge Union, renommierter Debattierclub der Cambridge University, hat diese Woche angefangen, eine Liste aufzustellen, von Gastrednern, die nie wieder von der Cambridge Union eingeladen werden sollen. Und der erste Name, der ihnen einfiel, ist kein Nazi, Rassist oder Rechtsextremer, sondern der Kunsthistoriker Andrew Graham-Dixon. Die beliebte Fernsehpersönlichkeit hatte letzte Woche vor der Cambridge Union über das Thema „guter Geschmack“ referiert.

Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, dass mangelnde Moral zu schlechtem Geschmack führt, nahm der Redner einen starken deutsch/österreichischen Akzent an, und rief wild gestikulierend auf Englisch: „Die moderne, schreckliche Kunst wurde von den Juden gefördert. Sie war kubistisch, sie war inspiriert von der Kunst der Neger. Diese Stammeskunst, igitt – wie furchtbar ist das? Wir müssen das aus unserem Deutschland verbannen ... Unser Geschmack muss rein sein.“ Andere Redner, darunter John Cleese (Monty Python), haben aus Protest gegen die Unfähigkeit der Cambridge Union, eine Hitler-Satire richtig einzuordnen, ihre eigenen Auftritte dort abgesagt. (Quelle: Spiked)

„Allgegenwärtiges Klima der Diskriminierung von Asiaten“

Am 15.10.2021 berichtete ich in dieser Kolumne von der Suspendierung und Untersuchung eines Ablegers der konservativen Organisation Turning Point USA (TPUSA) durch das private Emerson College in Boston. TPUSA hatte auf dem Campus Aufkleber mit einem Astronauten in Hammer-und-Sichel-Outfit und der Aufschrift „China Kinda Sus“ verteilt, Slang für „China, kind of suspicious“ (China, irgendwie suspekt).

Die offizielle Untersuchung ist nun abgeschlossen. Die Hochschule hat eingeräumt, dass die Aufkleber gegen die chinesische Regierung gerichtet und nicht diskriminierend gemeint waren. Dennoch trügen sie zum „allgegenwärtigen Klima der Diskriminierung von Asiaten“ auf dem Campus bei. TPUSA ist von dem College offiziell verwarnt worden. Die Organisation darf sich wieder auf dem Campus betätigen, steht aber quasi unter Bewährung. Weiteres Verhalten, das gegen die Gemeinschaftsstandards von Emerson verstößt, wird wahrscheinlich Disziplinarmaßnahmen nach sich ziehen, warnt die Hochschulleitung. (Quelle: Foundation for Individual Rights in Education, FIRE)

Und damit endet der wöchentliche Überblick des Cancelns, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Entlassens, Verklagens, Einschüchterns, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!

erschienenen auf Achgut


Autor: Achgut
Bild Quelle: Archiv


Samstag, 13 November 2021

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