Versuch, einer Zeitung Positives abzugewinnen

Versuch, einer Zeitung Positives abzugewinnen


Streifzug durch die Breisgau-Prawda von vorne nach hinten – A priori: Gute Nachrichten verkehren sich meist ins Gegenteil – Medien sind und bleiben die Meinungsmacher der Natio

Versuch, einer Zeitung Positives abzugewinnen

Von Albrecht Künstle

Titelseite: „Noch reicht der Platz für die Geflüchteten“. Na also, geht doch. Dann hatte Merkel Recht, dass wir das schaffen – ohne geschafft zu sein? Also weiterhin her mit allen, „die mühselig und beladen sind“. Und es lohnte sich dazu noch. „Merkel erhält Preis für ihre Flüchtlingspolitik“, und das nicht nur mit hehren Worten, sondern die Ex-Kanzlerin erhielt vom UNHCR den Nansen-Preis mit 150 000 Dollar dotiert, wie in der gleichen Zeitung zu lesen war. Unter den rund 11 Mio. Zuwanderern seit 2015 bis zu ihrem Ausscheiden 2021 waren, wenn es hoch kommt vielleicht drei Millionen „richtige Flüchtlinge“. Dann wären es nur fünf Cent für je zwei Beine. Schämen sollte sich das UNHCR.

„Corona-Zahlen steigen wieder deutlich“. Auch das ist eine gute Nachricht – für den Apokalyptiker Lauterbach, der ohne dieses Virus nicht Gesundheitsminister geworden wäre. Und wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wird, wenn die Epidemie ihren „Schrecken“ verloren hat. Ein Schrecken für die Arbeitgeber, hauptsächlich die Mehrfachgeimpften fallen wegen Corona aus.

„Die Welt stand am atomaren Abgrund“, so die Nachricht der Seite 2. Ebenfalls eine positive Meldung, weil die Welt nicht in den Abgrund stürzte. Es ging um die Kubakrise vor 60 Jahren vom 22. bis 28. Oktober 1962. Auf der kompletten Seite lässt man den „prominenten deutschen Historiker“ August Winkler vor dem Hintergrund der Eskalation des Ukrainekrieges beschreiben, wie Chruschtschow mit der Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba die USA bedrohte. Doch kein Wort gönnte dieser Hysteriker der Tatsache, dass die USA vier Jahre zuvor in Europa und der Türkei Atomraketen gegen die UdSSR stationiert hatte. Von Ankara bis Moskau sind es nur 1800 km und nach Kiew sogar nur 1200 km. Hätte Kennedy nicht eingelenkt, gäbe es Kiew nicht mehr – und uns? Mit der Revanche vor der Haustür der USA erreichte Chruschtschow, dass auch die Atomraketen aus der Türkei abgezogen wurden. Hatte der Historiker das vergessen? Wohl kaum, aber es passt nicht in die Propaganda, dass alleine die Russen die Bösen und wir die Guten dieser Welt sind.

Bisher sind die Grünen die Stars der Ampel“, ist die frohe Botschaft des Chefredakteurs im Leitartikel. Er meint insbesondere den Doppelminister Habeck – der Mann für die „Sterbebegleitung der deutschen Wirtschaft“ (Nuhr im Ersten) – böse Zungen sprechen von Sterbehelfer. Und die Frau des Alleräußersten Annalena Baerbock würdigt er, sie habe sich „als Außenministerin bestens bewährt“. Und hofft, dass „kein Rückfall in alten Dogmatismus ihr Ansehen untergräbt“, wie der Leitartikel (oder Leidartikel?) endet.

Nächste gute Nachricht: „Die Preistreiber sind nicht in Berlin – Putin ist der Preistreiber“. Wie gut für die Meinungsmacher, dass Zeitungsleser ein kurzes Gedächtnis haben. War es nicht etwa so, dass auf fast allen Parteitagen und im Regierungsprogramm verkündet wurde, so schnell wie möglich aus fossilen Energieträgern auszusteigen. Und da kam der Krieg gerade recht, den Russen den 55prozentigen Anteil an den deutschen Gasimporten aufzukündigen. Und um auf „Nummer sicher“ zu gehen, wurde noch die Pipeline gesprengt. So dass das nun fehlende Gas, und künftig wohl auch Öl, zu „Mondpreisen“ in den USA, Kanada, bei den Scheichs und anderen „Freunden“ erbettelt werden muss. Gas ist dreimal so teuer, auch andere Brennstoffe kosten doppelt so viel. Und weil in jedem Produkt Energie steckt, schlägt das auf alles durch. Aber „Putin ist schuld, nicht Berlin“, ist die Weisheit dieser Zeitung und fast aller anderen Medien.

Konkurrenz für Kretschmann“, dem schwäbischen Ministerpräsidenten, der es so schwer hat mit der deutschen Sprache. Auch das ist eine gute Meldung. Aber leider geht es nicht um ihn als Landesschef, sondern nur um einen Kulturbeauftragten. Also wieder nix.

Die Rädelsführerin ist gefasst, die Minister Lauterbach entführen wollte. Eine gute Nachricht, denn was wäre es noch für ein Leben ohne diesen Minister. Wie staatsgefährlich die Situation war, dazu widmet Reitschuster diese Sonderseite Terror- und Umsturzgefahr gebannt, 75-jaehrige-festgenommen. Wenn wir unseren Staatsschutz nicht hätten …

Unendliche Optionen zur Eskalation ist der Titel der Seite 7. Eigentlich das Gegenteil einer guten Nachricht. Aber auf ihr wird Wolfgang Ischinger zum Ukrainekrieg interviewt. Und er meint, so wie er in den 90er Jahren mit dem Kriegsverbrecher Milošević verhandeln musste, führt auch an Verhandlungen mit Putin kein Weg vorbei. Jetzt wird er es sich aber bei Selenskyj und seinen Gefolgsleuten in Berlin verscherzt haben. Ergänzend sollte man sich das Statement von Sahra Wagenknecht gönnen – 800 sollen ihretwegen der LINKEn den Rücken gekehrt haben.

Wirtschaftsseite: Handwerk blickt pessimistisch in die Zukunft. Auch das ist indirekt eine gute Nachricht. Denn wäre das Handwerk schon tot, könnte es nicht mehr in die Zukunft blicken. Das Handwerk röchelt also noch. Vielleicht schlug ihm die vorausgegangene Prognose des IWF „Das Schlimmste kommt noch“ auf den Magen. Doch man kann das mit den Augen von Berufsoptimisten lesen:

„Die Konjunkturaussichten für 2022 und 2023 sind positiv“, orakeln die Wissenschaftler. Weltweit betrage das Wachstum im laufenden Jahr 3,2 Prozent, in der Eurozone 3,1 Prozent. Auch für 2023 wird noch Wachstum prognostiziert. Na also, geht doch! Das Dumme ist nur, für Deutschland wird weltweit die Rolle der roten Laterne vorausgesagt mit einem nur halb so hohen Wachstum für dieses Jahr. Ausgehend von schon 2021 weniger als halb so hohen Wachstum gegenüber dem Rest der Welt. Und für 2023 wird uns bei Wachstum im kompletten Ausland minus 0,3 Prozent prognostiziert. Das ist die Folge davon, dass der Wirtschaftskrieg gegen Russland näher besehen auch gegen Deutschland geführt wird. Wann werden die Migranten spüren, dass es bei uns nichts mehr zu holen gibt?

Die Medien bleiben derweil optimistisch, „Deutsche sparen sehr viel Gas“, heißt es auf derselben Seite. „Verbrauch sinkt um 29 Prozent“, frohlockt meine Zeitung. Also „alles klar auf der Andrea Doria“, die Udo besang. Doch im Kleingedruckten erfährt der Leser dann, dass es nur um die vergangene Woche ging, die 11,4 Grad wärmer war als im Vorjahr. Dann hat die „Klimakatastrophe“ doch etwas Gutes? „Ende gut, alles gut?“

Unsere Medienlandschaft bleibt eine Katastrophe. Manchmal entsteht der Eindruck, die Funk- und Printmedien hätten sich freiwillig gleichgeschaltet, wie das im Dritten Reich der Fall war. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sind ein Selbstbedienungsladen mit der gleichen Zielrichtung wie das, was uns in gedruckter Form in die Häuser flattert. Eigentlich nur beschwerdelos zu verdauen, wenn man nicht über die Inhalte nachdenkt.

Dennoch will ich künftig versuchen, mit Positivem bessere Laune zu verbreiten. Sollte mir das nicht gelingen, ist das der politischen Wetterlage geschuldet. Der Verleger und Chefredakteur der Schweizer Weltwoche, Roger Köppel, hingegen schafft es, auch an trüben Tagen gut gelaunt Zuversicht mit seiner Video-Kolumne  Weltwoche daily zu verbreiten, in der er wochentags schon zum Frühstück für Sie einschlägige Blätter sichtet und launig kommentiert.

 


Autor: Albrecht Künstle
Bild Quelle: Archiv


Donnerstag, 20 Oktober 2022

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