Literatur-Nobelpreis: Die geistige Öde von gestern

Literatur-Nobelpreis: Die geistige Öde von gestern


Wie schon manches Mal zuvor verblüfft das schwedische Nobelpreis-Komitee auch in diesem Jahr mit einem Missgriff. Es gibt tausende Schreibende auf dieser Welt, deren Texte bewegend, beredt und bedeutsam sind, doch der Nobelpreis für Literatur ging an die französische Autorin Annie Ernaux, eine schreibende Französisch-Lehrerin.

Literatur-Nobelpreis: Die geistige Öde von gestern

Von Chaim Noll, AchGut.com

Nichts gegen schreibende Lehrerinnen, sie haben ihre eigene Weltsicht, geprägt von tief verinnerlichter Besserwisserei, deren sichtbare Spuren sie sorgfältig aus dem Text zu tilgen versuchen. In peniblen Prozeduren der Selbstunterdrückung. Deswegen wirken ihre Bücher so vornehm blass und erbarmungslos durchredigiert. Wir leben in einer toleranten Gesellschaft, in der man Pädagogik vornehm verbirgt, das Knochengerüst der Ideologie, die überall walten muss, doch nirgendwo offen sichtbar werden soll. 

Diese Art der Täuschung gilt als große Kunst. Die Texte von Annie Ernaux sind in diesem Sinn politisch korrekt, europäisch korrekt, ihr Hauptmerkmal ist eine mühsam erreichte stilistische Nivellierung, man könnte sagen: Perfektion. Und so achtenswert diese Fleißarbeit ist, so berechenbar ist sie auch, daher erzeugt sie beim Lesen vor allem eins: Langeweile. Die kultivierte Langeweile eines Erdteils, auf dem sich über Jahrzehnte nichts Dramatisches mehr zu ereignen schien. Der Preis wird offenbar von älteren Leuten vergeben, die auch in zunehmend turbulenten Tagen an dieser Illusion festhalten. Insofern ist es eine anachronistische Wahl. Denn das ereignislose, arrogant-unbeteiligte Europa der Annie Ernaux gibt es nicht mehr. 

Worüber schreibt die von tausend Feuilleton-Redakteuren gefeierte Autorin? Ihre Bücher basieren auf eigenen Erlebnissen, sind also das, was man „autobiographisch“ nennt. Sie reflektieren die Beziehungen der Autorin zu ihr nahestehenden Mitmenschen, zu um diese sich bildenden weiteren Kreisen, allgemein ausgedrückt: zu ihren Zeitgenossen, zu ihrer Zeit. Das Tableau der Zeitschilderung rückt mehr und mehr in den Vordergrund, Zeitgeschichte in literarischer Form, inklusive einer „fortschrittlichen“, dabei alles Neue blockierenden Ideologie, und erdrückt die Figuren.

„Ich darf nicht“ – das ist der entscheidende Satz

Deshalb sind ihre Texte, was sie nicht zu sein vorgeben: politisch. Romane kann man sie nicht nennen, das weiß die Autorin selbst. In ihrem Text Der Platz findet sich das Bekenntnis: „Daraufhin begann ich einen Roman zu schreiben, mit ihm als Hauptfigur. Mittendrin ein Gefühl des Ekels. Seit Kurzem weiß ich, dass der Roman unmöglich ist. Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht ‚spannend‘ oder ‚berührend‘ schreiben wollen. Ich werde die Worte, Gesten, Vorlieben meines Vaters zusammentragen, das, was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz, von der auch ich ein Teil gewesen bin. Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, in dem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten.“

„Ich darf nicht“ – das ist der entscheidende Satz. Weder „zu den Mitteln der Kunst greifen“ noch überhaupt irgendetwas äußern, was genuin menschlich wäre oder individuell. Ihr Ziel, schreibt ein Rezensent, sei eine kollektive, „unpersönliche Autobiografie“. Diese des Individuellen beraubte Prosa sei, so ein anderer Rezensent, „eine völlig neuartige Erzählform“. Sie meide die Ich-Form – auch das wird lobend hervorgehoben. „Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen.“ Überhaupt nichts, was den Text für die Leser interessant oder amüsant machen könnte. 

Das Bemühen dieser Autorin ist die Obsession, das Individuelle zurückzunehmen. Sie muss Schüler mit provozierenden eigenen Meinungen früh als Störung empfunden haben, die auszumerzen ihren – modernistisch verdeckten – pädagogischen Eifer entfachte. Diese wohltemperierte Dame hat ihre Tadel stets mit sanfter Stimme vorgetragen. Am Ende richtet sich die Abtötung des Individuellen erfolgreich gegen die eigene Prosa. Auch dort ist ihr alles Subjektive verdächtig, jede Leidenschaft verhasst. Sie wird von ihren Anhängern „Feministin“ genannt, doch in Wahrheit ist sie eine Wächterin. Sie überwacht sich selbst. Und demonstriert diesen Mechanismus als Vorbild für ihre Leser. Wenn später im Text von ihrem Mann und ihrem Sohn die Rede ist, fragt man sich unwillkürlich, wie eine so indifferente, in all ihren Regungen unterdrückte, psychologisch gleichgeschaltete Person überhaupt zu einem Mann und einem Sohn gekommen ist.

In der Attitüde des Hochbedeutenden

Schon auf der ersten Textseite (Buchseite 9) der betont auf gediegen zurechtgemachten deutschen Ausgabe ihres Buches Der Platz im einst renommierten Suhrkamp-Verlag findet sich ein Grammatik-Fehler, der weder der gepriesenen Übersetzerin Sonja Finck noch Lektorin oder Lektor noch bisher einem einzigen Rezensenten aufgefallen ist. Dort steht: „Ich musste im Beisein des Prüfers und zweier Beisitzer, sehr erfahrenen Französischlehrern, eine Unterrichtsstunde geben.“ In korrektem Deutsch müsste es heißen: „sehr erfahrener Französischlehrer“ – es gibt keinen Grund, hier einfach vom Genitiv in den Dativ zu schlüpfen. Offen gesagt: es ist schlicht und einfach falsch. Man mag es kleinlich nennen, auf diesen Fauxpas hinzuweisen (für den Annie Ernaux ohnehin nicht kann), doch angesichts des Anspruchs, mit dem diese Art angepasst linke, apathisch verblasste, im Grunde nichtige europäische Literatur daherkommt, immer noch in der Attitüde des Hochbedeutenden, konnte ich es mir nicht versagen. 

Was muss Europa für ein langweiliger Kontinent sein, fragt sich ein ferner Leser in einer stürmischen Fremde, wenn dort solche Bücher Beachtung finden. Wahrnehmung von Literatur ist natürlich immer subjektiv. Mir persönlich geht es so, dass mich beim Versuch, ihre Prosa zu lesen, lähmende Müdigkeit überfällt. Annie Ernaux gelte als „eine der prägendsten Stimmen der Französischen Gegenwartsliteratur“, lässt uns Wikipedia wissen, einen Text der Universität Fribourg zitierend (Abteilung Unicom, Kommunikation und Medien), zudem hat sie die selbsternannten Eliten der europäischen Literaturwissenschaft im Rücken: „Sie wird im universitären Umfeld positiv rezipiert; ihr Werk ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten. In der Literaturkritik wird ihr Werk vorwiegend positiv rezipiert.“

Die Welt der Annie Ernaux ist im Untergehen begriffen. Es war eine Welt der zum Ideal erhobenen Anpassung, der Selbstunterdrückung, der falschen Ruhe, der Illusion eines erfolgreich durchregierten Europa. Eine Welt der Belehrung gegenüber Nicht-Europäern, der eingebildeten Überlegenheit, des heimlichen Selbsthasses und vertuschten Antisemitismus. Inzwischen haben brutale Wirklichkeiten zugeschlagen, Flüchtlingsheere aus Nordafrika, Krieg an der Ostflanke, Energieknappheit, Rezession und Inflation. Letzte Gelegenheit, einen Preis zu vergeben an eine pensionierte Lehrerin, die auf beschönigende Weise die geistige Öde von gestern aufs Papier gebannt hat.

 

Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Autor: Chaim Noll
Bild Quelle: 2cordevocali, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons


Mittwoch, 12 Oktober 2022

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